Katharina Mühl – Boy Sober und mein Men Sober Year

Boy Sober: Warum ich ein Jahr lang keine Männer date – mein Men Sober Year

In diesem Artikel erfährst du:

Ich bin 39 Jahre alt. Und seit ich 16 bin, war ich fast durchgehend in Beziehungen: Zwei Jahre. Acht Jahre. Zehn Jahre. Drei Monate (toxischer Typ, der mich sogar bedroht hat). Zwei Jahre.

23 Jahre meines Lebens, in denen fast immer ein Mann an meiner Seite war. Und in den kurzen Phasen dazwischen? Da war ich zwar offiziell Single, aber wirklich alleine war ich eigentlich nie. Ich habe gedatet, Männer kennengelernt, mich verliebt, auf Tinder Männer nach links oder rechts gewischt und im Alltag Ausschau gehalten nach dem nächsten Mann, mit dem vielleicht eine Beziehung entstehen könnte. Vielleicht gab es einmal einen Monat, in dem ich wirklich einfach nur mit mir selbst war und niemanden gesucht habe. Genau deshalb habe ich mich jetzt für ein Jahr Boy Sober entschieden.

Das Verrückte daran: Alle meine Beziehungen habe ich selbst beendet. Oder die schlussendlich einvernehmliche Trennung ging von mir aus. Ich war also nie eine Frau, die um jeden Preis an einer Beziehung festhalten wollte. Und trotzdem erkenne ich heute: Ich habe einen beträchtlichen Teil meines bisherigen Erwachsenenlebens auf Männer ausgerichtet. Auf einen Mann, in den ich glücklich oder unglücklich verliebt war. Einen Mann, mit dem ich die gemeinsame Zukunft geplant habe. Mit dem ich mir vorstellen konnte, ein Kind zu bekommen. Mit dem ich Konflikte lösen und über mich selbst hinauswachsen wollte. Den ich wahrhaft tief kennenlernen wollte. Mit dem ich eine erfüllende Beziehung auf Augenhöhe gestalten wollte. Mit dem an meiner Seite ich die Welt ein Stück schöner machen wollte. Und wenn gerade kein Mann da war, auf die Frage, wann und wo ich den nächsten kennenlernen würde, mit dem all das möglich wäre. 

Erst nach meiner letzten Trennung Ende August 2026 ist mir etwas bewusst geworden, das mich selbst ziemlich umgehauen hat:

Ich weiß gar nicht, wer ich ohne Mann bin.

Nicht ohne diesen Mann.
Sondern komplett ohne Mann.

Wer bin ich, wenn ich nicht in einer Beziehung bin und auch keine neue suche? Wenn ich niemanden date? Wenn ich nicht darüber nachdenke, ob mich jemand attraktiv findet? Wenn keine Nachricht eines Mannes darüber entscheidet, ob ich mich begehrt fühle? Wenn ich nicht versuche, eine romantische Beziehung zu verstehen, zu gestalten, zu verbessern oder zu retten? Wenn da niemand ist, auf den ich gerade stehe. 

Und vor allem: Was passiert mit all der Energie, die ich 23 Jahre lang in Männer und romantische Beziehungen gesteckt habe, wenn ich sie plötzlich nicht mehr dorthin fließen lasse?

Was passiert, wenn ich diese Energie ein Jahr lang konsequent in mich investiere? In meinen Sohn. In mein Business. In meine Freundschaften. In die Frauen und Menschen, die ich liebe. In meine Ideen. In meinen Körper. In Abenteuer. In Dinge, die mir wichtig sind. Und vielleicht auch in Seiten von mir, die bisher überhaupt keinen Platz hatten, weil so viel Aufmerksamkeit immer wieder Richtung Partnerschaft geflossen ist. Ich möchte es herausfinden.

Deshalb habe ich mir ein Experiment vorgenommen: Ein Jahr ohne Dating. Ein Jahr ohne romantische oder sexuelle Beziehungen mit Männern. Ein Jahr Boy Sober.

Mein offizieller Starttag war der 1. September 2026. Und während ich diese Zeilen schreibe, bin ich gerade einmal an Tag 20.

Was bedeutet Boy Sober und woher kommt der Begriff?

Boy Sober bedeutet, für einen bestimmten Zeitraum bewusst aus Dating, romantischen und sexuellen Beziehungen mit Männern auszusteigen. Keine Dating-Apps, keine Dates, keine Freundschaft plus, keine Situationships, kein Sex, kein Küssen und kein romantisches Hin und Her. Es geht also um mehr als sexuelle Abstinenz: Es geht darum, den ganzen Dating- und Beziehungskreislauf für eine Zeit zu verlassen und den dadurch frei werdenden Raum wieder für sich selbst zu nutzen. Der Begriff „Boy Sober“ stammt aus den USA und wurde Anfang 2024 durch die New Yorker Comedienne und Content Creatorin Hope Woodard auf TikTok bekannt. Von dort entwickelte er sich zu einem internationalen Trend. 

Wörtlich übersetzt klingt Boy Sober im Deutschen erst einmal etwas eigenartig: Boy bedeutet schließlich „Junge“ oder „Bub” und sober „nüchtern“. Im Zusammenhang mit Alkohol oder anderen Substanzen bedeutet to be sober aber auch, abstinent zu sein. Boy Sober lässt sich also sinngemäß als „Männer-Abstinenz“ verstehen.

Aber warum eigentlich Boy und nicht Man oder Men? Im Englischen wird boy auch im Dating-Kontext wesentlich lockerer verwendet als das deutsche „Junge“, schließlich heißt es auch bei erwachsenen Männern Boyfriend. Und der Begriff hat im Englischen einen bewusst lässigen, fast humorvollen Unterton. Wenn Frauen im Alltag sagen: „I’m done with boys“ (Ich bin fertig mit Jungs), meinen sie damit oft die unreifen, bindungsunfähigen Exemplare auf den Dating-Apps, die keine Verantwortung übernehmen wollen. 

Für mein eigenes Experiment fühlt sich trotzdem ein anderer Begriff stimmiger an: Mein Men Sober Year. Oder ganz einfach auf Deutsch: ein Jahr Männer-Abstinenz.

Denn ich bin 39. Ich möchte mich nicht ein Jahr lang von irgendwelchen unreifen „Boys“ fernhalten. Und es geht mir auch nicht darum, nach einem bestimmten Typ Mann einfach einen vermeintlich „besseren“ zu finden. Mich interessiert etwas Grundsätzlicheres.

Ich möchte für ein Jahr aus meiner bisherigen Ausrichtung auf Männer insgesamt aussteigen: keine Partnerschaft, kein Dating, keine Situationship, kein Sex und – wahrscheinlich die größte Herausforderung – nicht ständig die Frage im Hinterkopf, ob irgendwo vielleicht doch der “richtige” Mann wartet, mit dem ich bis an mein Lebensende glücklich zusammen sein kann. Deshalb passt Men Sober Year für mein persönliches Experiment besser. Boy Sober ist der etablierte Begriff für den Trend. Men Sober Year ist der Name für mein Experiment.

Und dieses Experiment beginnt für mich nicht nur mit der Frage, wie es sich anfühlt, ein Jahr lang keine Männer zu daten. Sondern mit der viel grundlegenderen Frage: Warum waren Männer überhaupt so lange ein derart zentraler Bezugspunkt in meinem Leben

Warum Männer in meinem Leben so lange eine Hauptrolle gespielt haben

Je länger ich mich mit meinem Men Sober Year beschäftige, desto mehr merke ich: Meine Geschichte ist persönlich, aber sie ist nicht nur persönlich, sondern auch strukturell. Denn ich bin mit einer ziemlich eindeutigen Botschaft darüber aufgewachsen, wie ein gelungenes Frauenleben aussieht. Natürlich hat mir niemand wortwörtlich gesagt: „Katharina, dein Wert hängt davon ab, ob ein Mann dich will.“ So plump funktioniert Sozialisation selten. Die Botschaften sind viel subtiler.

Sie stecken in den Märchen und Disney-Filmen, die mit der Hochzeit enden. In Liebesfilmen, in denen das Finden des richtigen Mannes das Happy End ist. In den BRAVO-Heften, in denen sich ab meinem 10. Lebensjahr plötzlich alles um Jungs, Verliebtsein, den ersten Kuss und irgendwann das erste Mal drehte. In der Frage „Und, hast du jemanden?“. In der Vorstellung, irgendwann den Richtigen zu finden, zu heiraten, eine Familie zu gründen und gemeinsam alt zu werden.

Und sie stecken auch in den Bildern, die wir von Frauen haben, die dieses Drehbuch nicht erfüllen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, welches Bild ich als junge Frau von einer Frau hatte, die dauerhaft Single war: Da war schnell die Vorstellung der einsamen „Katzenlady“, die keinen Mann abbekommt.

Und beim alleinstehenden Mann? Der konnte viel leichter der unabhängige Bachelor sein. Der Abenteurer. Der freie Mann, der sich nicht binden lässt, die Welt bereist und sein eigenes Ding macht. Der Lonely Wolf.

Natürlich sind das Klischees. Aber genau solche kulturellen Bilder prägen mit, was wir für ein „gelungenes“ Leben halten. Gerade Frauen wurde über Generationen vermittelt, dass Partnerschaft, Ehe und Familie zentrale Bestandteile eines erfolgreichen Frauenlebens sind. Und auch wenn sich gesellschaftlich enorm viel verändert hat, wirken Teile dieser Vorstellungen bis heute nach.

Ich merke jedenfalls, wie tief diese Idee auch in mir verankert war: Zu einem richtig gelungenen Leben gehört ein Mann.

Wenn ein Mann unbemerkt zum Gütesiegel wird

Und das finde ich rückblickend besonders spannend. Denn ich habe mich mein ganzes Erwachsenenleben als unabhängig erlebt. Ich habe Karriere gemacht, mich selbstständig gemacht, bin gereist, habe mich weitergebildet, Entscheidungen getroffen und Beziehungen beendet, wenn ich in ihnen nicht mehr glücklich war.

Und trotzdem ging nach einer Trennung schnell wieder mein innerer Radar an: Wer gefällt mir? Wer findet mich attraktiv? Wo könnte ich jemanden kennenlernen? Ist dieser Mann vielleicht Beziehungsmaterial?

Männliche Aufmerksamkeit gab mir dabei etwas, das weit über einen netten Flirt hinausging: Validierung. Da begehrt mich jemand. Da entscheidet sich jemand für mich. Ich bin attraktiv. Ich bin liebenswert. Ich bin wichtig.

Und natürlich fühlt sich das gut an. Problematisch wird es dort, wo die Bestätigung durch einen Mann unbemerkt zu einem Gütesiegel für den eigenen Wert wird. Genau das ist eine der Fragen, denen ich in meinem Men Sober Year nachgehen möchte: Was passiert mit meinem Selbstwert, wenn ich mir diese Form der männlichen Bestätigung für ein Jahr ganz bewusst nicht hole?

Wie viel Energie Beziehung eigentlich bindet

Und dann ist da noch eine zweite Ebene, die mir in den letzten Jahren immer bewusster wird. Beziehungen haben mich nicht nur mit meiner inneren Liebe verbunden und mit der Liebe des anderen. Sie haben auch unglaublich viel meiner Aufmerksamkeit und Energie gebunden.

Mitdenken. Organisieren. Bedürfnisse wahrnehmen. Konflikte bearbeiten. Beziehungsgespräche initiieren. Versuchen zu verstehen, was im anderen vorgeht. Verantwortung für die Beziehung übernehmen. Hier kommen für mich Mental Load und Emotional Load ins Spiel – zwei Themen, mit denen ich mich in eigenen Artikeln noch sehr ausführlich beschäftigen werde.

Ich nenne das, was ich selbst in Beziehungen erlebt habe, inzwischen manchmal mein patriarchales Beziehungsburnout. Nicht als psychologische Diagnose, sondern als meine Beschreibung für ein Muster: sehr viel Energie in Beziehung, Fürsorge und Entwicklung zu investieren und irgendwann festzustellen, wie wenig davon gerade noch für mich selbst übrig ist.

Ich möchte herausfinden, wer ich bin und was ich mit meiner Energie mache, wenn eine romantische Beziehung mit einem Mann für ein ganzes Jahr nicht einmal eine Option ist. Vielleicht ist genau das für mich die radikalste Form dieses Experiments: Nicht ein Jahr lang darauf zu warten, bis ich wieder einen Mann habe. Sondern ein Jahr lang herauszufinden, was ich alles habe, wenn ich keinen suche.

Warum sich mein Men Sober Year gerade wie ein echter Entzug anfühlt

Ich bin offiziell erst 20 Tage Men Sober und eines hat mich selbst überrascht: Wie sehr sich diese Entscheidung teilweise wie ein Entzug anfühlt. Damit meine ich keinen medizinischen Entzug. Ich bin nicht „süchtig nach Männern“ und mein Körper muss auch nicht von Männern entgiften. Aber ich merke gerade, wie tief Männer, romantische Liebe und mein Gefühl von Lebendigkeit und Glück in meinem inneren System miteinander verknüpft sind.

Seit ich 15 bin, gab es eigentlich fast immer einen Mann, in den ich verliebt war, mit dem ich in einer Beziehung war oder auf den ich zumindest gestanden bin. Und wenn gerade keiner da war, war da die Aussicht auf den nächsten. Verliebtsein bedeutete Kribbeln. Aufregung. Sehnsucht. Vorfreude. Sexuelle Spannung. Nächtelange Gespräche. Küssen. Sex. Abenteuer. Nähe. Dieses unglaublich schöne Gefühl jemanden zu lieben und zu begehren und umgekehrt begehrt und geliebt zu werden.

Romantische Liebe war für mich eine der intensivsten Formen von Lebendigkeit. Und ich glaube, irgendwo tief in mir ist daraus über die Jahre eine Gleichung entstanden: Das ganz große Glück gibt es in Verbindung mit einem Mann.

Natürlich weiß ich rational, dass das nicht stimmt. Ich habe einen Sohn, den ich über alles liebe. Großartige Freundschaften. Eine Familie. Ein Business, das mich erfüllt. Ich reise, lerne, tanze, lache, erlebe Abenteuer und kann mich für ungefähr 700 Dinge gleichzeitig begeistern. Und trotzdem war da bisher immer noch diese eine besondere Kategorie von Glück: romantische Liebe. Das große Kribbeln. Die Leidenschaft. Das Gefühl, jemanden gefunden zu haben. Gemeinsam Zukunftsbilder zu spinnen. Sich gegenseitig die Welt zu bedeuten.Vielleicht ist genau das der Grund, warum sich Men Sober für mich gerade nicht einfach nach „Ich date halt ein Jahr nicht“ anfühlt. Ich stelle eine meiner ältesten inneren Glücksgleichungen infrage.

Wenn die schnelle männliche Bestätigung plötzlich wegfällt

Und dann ist da noch etwas: männliche Aufmerksamkeit. Ein Match. Ein Kompliment. Eine Nachricht. Ein Mann, der mich attraktiv findet. Ein Flirt. Das aufregende Gefühl: Oh, der steht auf mich. All das kann innerhalb weniger Sekunden ein kleines Hoch auslösen, ein Dopamin-High. 

Und genau darauf möchte ich dieses Jahr ganz bewusst verzichten. Denn ich will wissen, was passiert, wenn ich dieses gute Gefühl nicht mehr jederzeit über männliche Aufmerksamkeit abrufen kann.

Was passiert, wenn ich mich attraktiv fühlen möchte und kein Mann mir bestätigt, dass ich es bin?

Was passiert, wenn ich mich nach Nähe sehne und nicht sofort jemanden suche, der dieses Bedürfnis erfüllt?

Was passiert, wenn ich einsam bin, horny, gelangweilt oder einfach neugierig und Tinder trotzdem geschlossen bleibt?

Ich merke gerade: Men Sober bedeutet für mich nicht nur, keine Männer zu daten. Es bedeutet auch, eine meiner vertrautesten Quellen für Bestätigung bewusst stillzulegen. Und genau das macht es teilweise so verdammt unangenehm.

Ich vermisse nicht nur Beziehung

Dazu kommt etwas, das ich gar nicht kleinreden möchte: Ich liebe Nähe. Ich liebe Kuscheln. Küssen. Sex. Zärtlichkeit. Dieses Gefühl, mich in die Arme eines Menschen fallen lassen zu können. Begehrt zu werden. Mich körperlich hinzugeben. Mit jemandem dieses ganz besondere Gefühl romantischer Intimität zu teilen. Natürlich werde ich das vermissen.

Und ich möchte mein Men Sober Year nicht zu einer Heldinnengeschichte machen, in der ich plötzlich entdecke, dass ich all das sowieso nicht brauche.

Doch. Ich habe diese Bedürfnisse.

Die spannende Frage für mich ist nicht, wie ich sie wegtrainieren kann. Sondern: Was mache ich mit ihnen, wenn ein Mann für ein Jahr nicht die Antwort darauf sein soll? Mein Nervensystem kennt dieses Leben noch gar nicht. Vielleicht ist das der entscheidende Punkt: Seit ich 16 bin, kennt mein erwachsenes Ich praktisch nur zwei Zustände: Ich habe einen Mann. Oder ich bin auf dem Weg zum nächsten.

Beziehung, Verliebtsein, Dating, Schwärmen, Suchen – irgendeine Form romantischer Ausrichtung war fast immer vorhanden. Und jetzt nehme ich meinem System nicht nur einen Mann weg. Ich unterbreche ein 23 Jahre lang eingeübtes Muster.

Psychologisch ergibt es für mich deshalb Sinn, dass sich das nicht von Tag eins an nur befreiend anfühlt. Diese radikale Dating-Pause fühlt sich für mich deshalb tatsächlich wie eine Art Dating-Detox an: Eine vertraute Quelle für Aufregung, Vorfreude und schnelle Belohnung fällt plötzlich weg. Und gewohnte Verhaltensweisen, Erwartungen und Belohnungen verschwinden nicht einfach, nur weil ich rational eine Entscheidung getroffen habe. 

Mein Kopf kann längst überzeugt sein: Das will ich.

Und trotzdem kann ein anderer Teil in mir schreien: Aber das kennen wir nicht!

Vielleicht werde ich weinen. Vielleicht werde ich unruhig. Vielleicht werde ich mich einsam fühlen. Vielleicht wird es Tage geben, an denen ich unbedingt auf Tinder möchte oder meine Entscheidung komplett bescheuert finde. Das möchte ich nicht als Beweis dafür interpretieren, dass mein Experiment falsch ist. Ich möchte neugierig beobachten, was da eigentlich passiert. Es geht mir nicht darum, meine Bedürfnisse nach Nähe, Körperkontakt, Sexualität, Abenteuer, Leidenschaft, Bestätigung und Liebe – danach, begehrt und gesehen zu werden – loszuwerden. Sondern darum, die automatische Verknüpfung zu lösen: „Dafür brauche ich einen Mann.“ 

Diese Frage hat mich in den letzten Wochen sehr beschäftigt: Kann ich mich genauso lebendig, erfüllt, geliebt, begehrenswert und verbunden fühlen, wenn ein Mann dabei für ein Jahr keine Rolle spielt? Kann ein Abend mit Freundinnen dieses tiefe Gefühl von Verbundenheit auslösen? Kann ich Abenteuer alleine erleben, ohne mir dabei zu wünschen, ein Partner wäre neben mir? Kann ich meinen Körper genießen, ohne dass ein Mann ihn begehrt? Kann ich mir selbst Sicherheit geben? Kann ich intensive Vorfreude auf Dinge entwickeln, die überhaupt nichts mit Dating und Verliebtsein zu tun haben?

Und vor allem: Welche neuen Quellen von Glück und Lebendigkeit entdecke ich vielleicht, wenn romantische Liebe nicht mehr automatisch den Spitzenplatz besetzt? Genau das möchte ich in diesem Jahr beobachten.

Was mein Men Sober Year NICHT bedeutet

Ich mache dieses Experiment nicht, weil ich gegen Männer bin, sondern weil ich FÜR mich bin. Es ist keine verbitterte Rebellion gegen Männer. Ich habe Liebe und Partnerschaft nicht abgeschrieben – ganz im Gegenteil. Ich liebe romantische Liebe und kann mir gut vorstellen, irgendwann wieder eine Partnerschaft zu führen. Aber ich möchte herausfinden, wie es sich anfühlt, wenn ich mich selbst halten und nähren kann, statt einen großen Teil meiner Bedürfnisse automatisch an eine Partnerschaft zu knüpfen.

Dabei geht es mir ausdrücklich nicht darum, niemanden mehr zu brauchen. Wir Menschen brauchen Verbundenheit und gute Beziehungen zu anderen Menschen für unser Wohlbefinden. Aber: Wenn ich Nähe brauche, muss die Adresse nicht automatisch ein Partner sein. Wenn ich Trost brauche, nicht. Wenn ich Abenteuer erleben möchte, nicht. Wenn ich mich verbunden fühlen oder gehalten werden möchte, nicht. Und wenn ich jemanden brauche, der sich mit mir über einen Erfolg freut oder mich auffängt, wenn mein Leben gerade scheiße ist: auch nicht.

Ich möchte lernen, manche dieser Bedürfnisse stärker selbst zu nähren und andere viel bewusster auf mehrere Schultern zu verteilen, insbesondere auf die Frauen und Herzensmenschen in meinem Leben. Weg von der romantischen Monokultur, hin zu einem noch vielfältigeren Beziehungsökosystem. Genau darum geht es auch bei Decentering Men: Männer und romantische Partnerschaft nicht mehr zum selbstverständlichen Mittelpunkt des eigenen Lebens zu machen, sondern den Fokus wieder stärker auf dich selbst und all die anderen Beziehungen, Menschen und Lebensbereiche zu richten, die dein Leben reich machen. Wenn du tiefer in das Thema einsteigen möchtest, findest du dazu meinen ausführlichen Artikel „Decentering Men: Wie du den Fokus von Männern abziehst und dein Leben zurückholst“ 

Und vielleicht ist das für mich der wichtigste Punkt dieses ganzen Experiments: Ich möchte wirklich frei wählen können. Wenn ich ganz ehrlich mit mir bin, weiß ich nicht, ob ich diese Freiheit bisher hatte. Natürlich habe ich meine Partner selbst gewählt und auch meine Beziehungen selbst beendet. Aber darunter lagen persönliche Muster und eine Sozialisation, durch die sich ein Leben mit Mann für mich fast selbstverständlich vollständiger und glücklicher angefühlt hat als eines ohne. Wie frei ist eine Entscheidung für Partnerschaft, wenn sich die Alternative innerlich wie ein Mangel anfühlt?

Ich möchte erleben, dass beides vollständige Lebensentwürfe sein können: ein Leben mit Partner und ein Leben ohne. Nicht, weil mir Partnerschaft egal geworden ist, sondern weil ich mich irgendwann wirklich frei für sie entscheiden möchte. Wenn ich nach diesem Jahr wieder eine Beziehung eingehe, dann möchte ich einen Mann wählen, weil ich genau diesen Menschen in meinem Leben haben möchte und nicht, weil sich mein Leben ohne Mann weniger vollständig anfühlt. 

Und wenn ich mich irgendwann wieder für einen Mann entscheide, möchte ich es nicht tun, weil ich seine Aufmerksamkeit brauche, um mich wertvoll zu fühlen. Nicht weil ich glaube, dass mir ohne Partnerschaft etwas fehlt. Und nicht weil ein Mann in meinem inneren Lebensentwurf einfach vorgesehen ist. Sondern weil ich ihn wirklich frei wähle.

Was nach diesem Jahr daraus wird? Keine Ahnung. Vielleicht möchte ich wieder eine Beziehung. Vielleicht verändert sich mein Blick auf Partnerschaft grundlegend. Vielleicht entdecke ich Formen von Nähe und Verbundenheit, die ich heute noch viel zu wenig auf dem Schirm habe. Genau deshalb ist es ein Experiment. 

Meine Ängste und Zweifel: Schaffe ich wirklich ein ganzes Jahr Men Sober?

Ich könnte dir an dieser Stelle natürlich ein wunderschönes feministisches Empowerment-Narrativ erzählen. Von der Frau, die endlich verstanden hat, dass sie keinen Mann braucht, ihre Energie zu sich zurückholt und ab jetzt völlig beseelt und selbstbestimmt durch ihr männerfreies Jahr tanzt.

Nur: Da bin ich nicht. Ich bin ganz am Anfang dieses Experiments. Und neben all der Freiheit, Neugier und Vorfreude gibt es auch einen Teil in mir, der denkt:

Ein. Ganzes. Jahr?!

Plötzlich fühlt sich dieselbe Entscheidung, die sich in einem Moment nach grenzenloser Freiheit anfühlt, im nächsten fast wie ein Gefängnis an.

Was, wenn ich nach drei Monaten abbreche?

Was, wenn ich jemanden kennenlerne, den ich wahnsinnig attraktiv finde?

Was, wenn ich mich verliebe?

Was, wenn ich Nähe und Sex stärker vermisse, als ich denke?

Was, wenn ich merke, wie abhängig mein Selbstwert tatsächlich von männlicher Aufmerksamkeit war?

Was, wenn ich mich einsam fühle?

Was, wenn ich einfach verdammt noch mal jemanden küssen will?

Und ja: Ein Jahr keinen Sex zu haben, macht mir wirklich Respekt.

Ich liebe Sex. Ich habe mich gerade in den letzten beiden Jahren intensiv mit Tantra und Slow Sex beschäftigt und Sexualität noch einmal ganz neu als etwas Sinnliches, Verbindendes und Lebendiges für mich entdeckt. Und jetzt entscheide ich mich freiwillig dafür, ein ganzes Jahr auf Sex mit Männern zu verzichten? Manchmal frage ich mich selbst, ob ich noch ganz dicht bin. 😅

Aber genau hier lande ich wieder bei meiner eigentlichen Frage: Wie sehr habe ich bisher maximale Lebendigkeit mit romantischer und sexueller Verbindung zu einem Mann gekoppelt? Denn ich will meine Sexualität in diesem Jahr nicht abstellen. Mein Körper, meine Sinnlichkeit, meine Lust gehören schließlich mir. Vielleicht wird gerade das spannend: herauszufinden, wie ich Sexualität und Sinnlichkeit erlebe, wenn sie für eine Weile nicht auf einen Mann ausgerichtet sind.

Und was, wenn ich es nicht schaffe?

Auch diese Möglichkeit gehört für mich zu diesem Experiment. Vielleicht breche ich nach drei Monaten ab. Vielleicht verliebe ich mich. Vielleicht sitze ich irgendwann heulend auf meinem Sofa und verfluche die grandiose Idee, darüber auch noch öffentlich einen Blog zu schreiben. 😅

Ich weiß es nicht.

Und ich möchte mir gerade nicht die nächste Aufgabe bauen, bei der ich am Ende nur stolz auf mich sein darf, wenn ich sie perfekt erfüllt habe. Ich möchte beobachten. Lernen. Mich besser kennenlernen. Und auch ehrlich darüber schreiben, wenn es schwierig wird. Bei diesem Jahr gibt es noch ein paar riesige Fragezeichen für mich. Auf die ich noch keine Antwort habe. Eine davon: Wie gestalte ich mein Leben, in dem romantische Liebe nicht mehr das große Happy End ist?

Oder: Wie fülle ich die Leere, die vielleicht entsteht, wenn ich am Samstagabend alleine zu Hause auf dem Sofa sitze? Ohne sofort wieder zu scannen: Wer könnte interessant sein? Wer findet mich attraktiv? Wo könnte ich jemanden kennenlernen?

In meiner Vergangenheit habe ich einfach das nächste Beziehungsprojekt gestartet, weil mir das vertrauter erschienen ist, als die viel größere Aufgabe, mich selbst wirklich kennenzulernen, zu halten und zu lieben. Genau das darf sich dieses Jahr ändern. 

Ein Jahr Men Sober: Ich werde jedes Monat berichten

Ich weiß nicht, ob ich dieses Jahr durchhalte. Ich weiß nicht, ob ich scheitern werde. Und ich weiß noch weniger, wer ich am 1. September 2027 sein werde. Genau deshalb schreibe ich darüber.

Ich möchte dieses Experiment nicht erst im Nachhinein erzählen, wenn ich längst weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist. Ich möchte dich mitnehmen, während ich selbst noch mittendrin bin. Einmal im Monat werde ich hier Bilanz ziehen: über meine Erkenntnisse und Zweifel, über Einsamkeit und Freiheit, männliche Validierung, Lust und Sehnsucht, über Rückfälle und Erfolge und über all die Dinge, von denen ich heute noch gar nicht weiß, dass sie auf mich warten.

Ich werde darüber schreiben, was leichter wird. Was verdammt schwer bleibt. Wo ich alte Muster plötzlich glasklar erkenne. Wo ich mich selbst überrasche. Und natürlich auch, wenn ich an diesem Experiment zweifle oder es vielleicht sogar abbreche.

Denn ich möchte daraus keine glattgebügelte Empowerment-Geschichte machen. Ich möchte herausfinden, was tatsächlich passiert, wenn eine Frau, die seit ihrem 16. Lebensjahr fast durchgehend auf Männer und Beziehungen ausgerichtet war, damit für ein Jahr aufhört.

Das hier ist also kein Artikel über ein abgeschlossenes Experiment. Es ist der Anfang. Es ist Tag 20.

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